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PACHITINE
Auf dem Karakorum Highway
durch Pakistan nach China
"Allaaah uakbar!" Islamabad, Pakistan, morgens kurz vor fünf. Während ich auf einer vierspurigen Autobahn aus der Stadt pedale plärren aus völlig übersteuerten Lautsprechern die Rufe der Muezine zum Morgengebet hinaus in die Dämmerung. Es ist Freitag - der "islamische Sonntag" - und vergleichsweise wenig Verkehr. Trotzdem werde ich immer wieder durch lautes Hupen auf den Seitenstreifen gedrängt, wenn zwei oder drei Trucks in wilde Überholmanöver verwickelt, herandonnern.
In Taxila besuche ich das kleine Museum, in dem Ausgrabungsfunde wie Münzen, Statuen und Haushaltsgeräte aus den umliegenden Ruinenfeldern ausgestellt sind. Sie stammen aus Zeiten, als hier Alexander der Große auf seinem Asienfeldzug Halt machte und später ein geistiges Zentrum des Buddhismus entstand. Es ist brütend heiß. Nur der Fahrtwind bringt etwas Kühlung. Ab und zu werde ich in kleine Shops am Straßenrand auf eine Tasse Tee oder eine Cola eingeladen. "Wieviel verdienst Du in Deutschland?", ist die meist gestellte Frage. die Regelmäßig Überraschung auslösende Antwort versuche ich mit Lebenshaltungskosten und Mietpreisen zu erklären. An einer Polizeistation frage ich, wie es mit der Sicherheit auf dem Highway steht. Am Tag sei es ungefährlich, nach Einbruch der Dunkelheit solle ich allerdings im Hotel sein, lautet die Auskunft des Kommandanten. Als ich abends auf mein "Chicken Fried Rice" warte, sehe ich, wie Wachposten mit geschultertem Maschinengewehr um das Hotel streifen und nachts hallen Schüsse durch die Dunkelheit. Jäger, wie mir der Hotelmanager am nächsten Morgen versichert.
Auf einer leichten Abfahrt springen plötzlich drei Kinder aus dem Straßengraben und versuchen mich zu stoppen. Einer bekommt mich am Arm zu fassen und ich gehe über den Lenker. Mein rechter Unterarm ist vom Ellbogen bis zum Handgelenk aufgeschürft und auch mein Knie hat jede Menge abbekommen. Notdürftig reinige ich die Wunden mit Jod und schreie den drei Bengels, die in sicherer Entfernung abwarten, noch einen Fluch entgegen. In einem nahe gelegenen Dorf finde ich Quartier in einem leerstehenden Rasthaus für Regierungsangestellte. In der kleinen Krankenstation ist man sichtlich betroffen und entschuldigt sich mehrmals, da vermutlich Kinder aus dem Dorf den Unfall verursacht haben.
Die Wunden sind nicht das Problem, aber mein Knie scheint ernsthaft etwas abbekommen zu haben. Shelley, die Reiseleiterin einer kanadischen Reisegruppe die durch das Dorf kommt, bietet mir an, mich bis Gilgit, wo es ein Krankenhaus geben soll, in ihrem Bus mitzunehmen. So geht es motorisiert vorbei am Nanga Parbat und dem "Einzigartigen Platz auf der Erde", an dem die drei Gebirge Himalaya, Karakorum und Hindukush aufeinander treffen.
Nach einer Besichtigung des Hospitals in Gilgit, beschließe ich mich weiterhin selber mit Salbe zu behandeln und wage nach drei Tagen den Neustart. Im Hunzatal mache ich eine Tagestour hinauf nach Baltit und Karimabad, um den ehemaligen Palast der Könige von Hunza zu besuchen. Er liegt weit oben über dem Tal auf einem Felsplateau und ist verschlossen, wofür mich aber der Blick über die Dörfer und Täler des einstigen Königreichs entschädigt. Auf dem Rückweg treffe ich Jasun und Neelis aus Seattle. Sie sind schon über ein halbes Jahr hier und studieren die "Sacred Rocks at Hunza" - Felsen, die mit über tausend Jahre alten Zeichnungen in "Kratztechnik" übersäht sind.
Als ich in den pakistanischen Grenzposten Sust einrolle, werde ich von einem Pärchen im Garten eines kleinen Hotels heran gewunken. Kate und Eric aus England - seit zwei Jahren auf Weltumradlung - warten schon seit einer Woche vergebens darauf das Land verlassen zu können, da die Straße hinauf zum Pass und der Pass selbst mit Schneelawinen und Erdrutschen blockiert sein soll. Neben uns Touristen wartet noch ein Dutzend Uiguren aus Kashgar darauf, das es endlich weiter geht. Sie sind auf dem Heimweg von einer Pilgerfahrt nach Mekka und jeder von ihnen hat einen 10 Liter Kanister mit heiligem Wasser bei sich. Das Wetter wechselt ständig und immer am Nachmittag ziehen tiefdunkle Regenwolken hinauf zum Pass, um dort ihre Fracht als Schnee abzuladen. Nach fast einer Woche des Wartens geben die Behörden plötzlich grünes Licht. Wir packen hastig unsere Sachen zusammen und holen uns schnell den Ausreisestempel, bevor es sich die Grenzer wieder anders überlegen.
Zwei Tage später erreichen wir den Anfang der steil ansteigenden Serpentinen hinauf zum Pass. Mal vom Rückenwind getrieben, mal vom Gegenwind fast gestoppt, mühen wir uns die letzten 17 Kilometer hinauf. Drei Kilometer vor dem Pass erreichen wir die Schneegrenze - wir müssen schieben. Immer dunklere Wolken ziehen heran und als wir oben ankommen, fallen die ersten Schneeflocken. Hastig mache ich ein paar Photos und beginne meine Wetterbekleidung anzuziehen. Kate und Eric sind nicht so gut ausgerüstet, machen sich sofort an den Abstieg und Momente später tobt ein Schneesturm, der die Sicht auf nur wenige Meter begrenzt. Im totalen "Whiteout" überquere ich die Grenze, lese aus den Augenwinkeln an einem Verkehrsschild, dass ich nun wieder auf der rechten Straßenseite fahren soll und stapfe durch den Schnee hinunter nach China.
Das Schneetreiben ist so dicht, dass ich den chinesischen Kontrollposten kurz unterhalb des Passes erst bemerke, als ich unmittelbar davorstehe. Kate und Eric sitzen bereits in der Hütte und wärmen sich an einer Tasse Tee. Die Soldaten scheinen etwas ratlos und sprechen uns auf chinesisch an. Es stellt sich heraus, dass wir unsere Pässe abgeben sollen und für die Nacht wird uns in der Kaserne der Vorratsraum zugewiesen, wo wir es uns neben gefrorenen Schweinshälften, frischem Gemüse und unzähligen Kartons mit Konserven bequem machen. Am nächsten Morgen scheinen die umliegenden Berge und Ebenen wie von einem weißen Schleier verhüllt, der nur durch das schwarze Asphaltband der Straße zerschnitten wird. Der Abschied von den Soldaten ist herzlich. Unzählige Hände stecken uns Konserven zu und dann machen wir uns dick eingepackt in Thermounterwäsche, Fleecebekleidung und winddichte Jacken und Hosen auf die Abfahrt.
Kurz vor Tashkurghan steht der offizielle Grenzposten. Doch man weiß scheinbar nicht so richtig, wie mit uns zu verfahren ist. Mit unseren Pässen wird ewig hantiert und als ich einen der Zöllner frage, wo ich auf dem Formular meinen Photoapparat und mein Fahrrad eintragen soll, zuckt dieser nur mit den Achseln. Erleichtert radle ich der Stadt entgegen, denn vor der Einreise nach China hatte ich - ausgerüstet mit zwei Photoapparaten, zahlreichen Filmrollen und einem Tonaufnahmegerät - am meisten Sorge.
Angetrieben vom Wind eines aufziehenden Sturmes erreichen wir die Ufer des Karakul Sees wo ich unter einem Felsvorsprung meinen Biwackschlafsack ausbreite und Eric sein Zelt aufbaut. Nach einer stürmischen und schlaflosen Nacht beschließen wir einen Tag zu pausieren, und hoffen auf besseres Wetter. Wir verbringen die meiste Zeit in Kate und Erics Zelt - ich hatte bei der Vorbereitung aus Gewichtsgründen auf eines verzichtet - und lauschen über Kurzwelle dem Programm der BBC während sich der 7546 Meter hohe Mutztagh Ata immer wieder für kurze Augenblicke aus den Wolken schält.
Gegen Mitte des nächsten Tages erreichen wir den Abstieg aus dem Gebirge hinunter in die Takla Makan Wüste. In rasendem Tempo folgen wir der Straße, die sich entlang eines Flusses durch einen schmalen Canyon schlängelt. Wir brauchen stundenlang nicht zu treten. Am Abend ist das Ende der Abfahrt erreicht. Vor uns erstreckt sich die flimmernde Wüste und hinter uns funkeln ein paar schneebedeckte Gipfel des Karakorums in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Kashgar, Oase am Rand der Takla Makan und einst Dreh- und Angelpunkt auf der Seidenstraße, empfängt uns mit einem Verkehraufkommen, wie wir es uns zwei Tage zuvor an den Ufern des Kara Kul Sees nicht vorstellen hätten können. Begleitet von einer Schar neugieriger Chinesen auf "Volksrädern" pedalen wir über breite, zum Teil vierspurige Straßen, auf der Suche nach einem preiswerten Hotel.
Das von den Chinesen erbaute Kashgar hat außer protzigen Betonbauten und einer alles überragenden Maostatue nicht viel zu bieten. Erst als ich mich auf meinem Erkundungsgang in der moslemischen Altstadt wiederfinde, ändert sich das Bild. Stundenlang schlendere ich durch die Gassen, stöbere in den Auslagen unzähliger Läden, bewundere die Arbeiten kleiner Handwerksbetriebe und genieße das Essen in den Restaurants. Nachdem wir uns mit reichlich Nudeln, Tomatensoße, Reis und Milchpulver in den chinesischen Supermärkten für die Weiterfahrt eingedeckt haben, besuchen wir noch den Sonntagsmarkt, für den Kashgar so berühmt ist.
Der Markt ist so groß und die Händler so zahlreich, das es ganze Bezirke gibt, in denen ein und dieselbe Ware angeboten wird. So gibt es zum Beispiel das Viertel der Hutverkäufer, der Gewürzhändler, eine Zucker und Süßigkeitenstraße und schließlich den Viehmarkt, wo Kamele, Pferde oder ganze Schafherden nach zähen Verhandlungen den Besitzer wechseln. Zehn Kilometer außerhalb Kashgars trennen sich unsere Wege wieder. Kate und Eric wollen nach Westen, nach Kirgistan und ich nach Osten durch die Takla Makan, der "Wüste ohne Wiederkehr".
China - durch die Takla Makan Wüste
Gleich am ersten Tag der 3000km langen Wüstenetappe auf der nördlichen Seidenstraße überrascht mich ein Sandsturm, der die Sicht auf nur 5m beschränkt, sechs Stunden anhält und mein Fahrrad, meine Ausrüstung und mich total versanden lässt. Ich verbringe am nächsten Morgen fast zwei Stunden damit, Schaltwerke, Schaltgriffe und alle sonstigen beweglichen Teile mit meiner Zahnbürste und viel Öl wieder flott zu machen.
Wochenlang folge ich der Straße durch das flache, staubige, endlos scheinende Nichts, ernähre mich von Nudeln in Tomatensoße, die ich auf meinem Benzinkocher zubereite und schlafe nachts unter Brücken. Die Einsamkeit und die Wüste zehren an meinen Nerven. Nur wenn ab und zu ein kleines, verschlafenes Dorf am Horizont auftaucht, steigt meine Stimmung. Hier kann ich meine Wasservorräte auffüllen. Hier kann ich mir den Bauch voll schlagen und hier kann ich mich mit Hilfe meines Sprachführers etwas unterhalten. Meist ist mein knallgelbes Mountainbike der Mittelpunkt des Interesses und es ist oftmals sehr anstrengend die vielen neugierigen Hände davon abzuhalten jeden Knopf und Hebel auszuprobieren, den es zu bedienen gibt. Wenn mein Wasservorrat erschöpft ist, versuche ich einen LKW zu stoppen. Meist muss ich nicht lange warten, bis einer der Fahrer hält, mein Fahrrad und Gepäck hinten auflädt und mich bis in die nächste Stadt oder Siedlung mitnimmt. Dadurch kann ich auch meinen Zeitplan wieder einholen, der durch den Unfall und die Zwangspause in Sust völlig durcheinander gekommen war und gewinne sogar noch etwas Zeit, die ich später damit verbringe, die buddhistischen Höhlenklöster und andere Sehenswürdigkeiten in Kuche, Turfan, Urumqi und Dunhuang länger zu besuchen, als ich ursprünglich geplant hatte.
Manchmal hält auch plötzlich ein Auto neben mir. Die Insassen sind völlig überrascht darüber, einen Radfahrer mitten in der Wüste anzutreffen und beschenken mich oftmals mit Wasserflaschen und Schokolade, was mir wieder etwas Antrieb gibt. Nach der wochenlangen Eintönigkeit der ersten Hälfte der Wüstenetappe nehme ich mir in Urumqi als Belohnung für die Strapazen ein Zimmer in einem Luxushotel. In einem kleinen Straßencafe in der Altstadt von Urumqi erzählt mir ein junger Uigure davon, dass die Uiguren für einen freien und unabhängigen Uigurenstaat kämpfen und immer wieder Demonstrationen für Freiheit und Unabhängigkeit der Uiguren abgehalten werden, die aber meist von dem chinesischen Militär mit Gewalt beendet werden.
Auf meinem Weg nach Golmud durchquere ich erneut die Turfansenke. Dort erreiche ich bei -20m unter dem Meeresspiegel den tiefsten Punkt der Tour und das Thermometer mit 50°C am Tag und 30°C in der Nacht absolute Rekordwerte. In Dunhuang angekommen, lege ich einen kurzen Zwischenstopp ein und besuche das in der Nähe gelegene Höhlenkloster von Mogao. Heute sind zahlreiche Funde aus den Grotten rund um Kuche, Turfan und Dunhuang in Museen in Europa zu besichtigen. Ein chinesischer Besucher erzählt mir hinter vorgehaltener Hand, dass dies die Kunstwerke immerhin vor der Zerstörung während der Kulturrevolution bewahrt hätte.
Auf der Weiterfahrt nach Golmud spüre ich noch einmal die ganze Einsamkeit der Wüste. Zu meiner Überraschung wohnt in einem der Ruinendörfer an der Straße noch ein altes Ehepaar. Es betreibt eine kleine Imbissstube für vorbeifahrende LKWs. Ich hatte eigentlich damit gerechnet als willkommene Abwechslung behandelt zu werden. Doch der Alte beobachtet eher abwesend, wie ich auf meiner Karte die Distanz bis Golmud mit einem Distanzmesser abwäge. Von meinem Fahrrad, das draußen in der Sonne glänzt, wird überhaupt keine Notiz genommen. Ich bin irgendwie froh, als ich wieder aufbreche, weg von diesem Ort der Trostlosigkeit.
Tibet - Über das Dach der Welt
In Golmud angekommen, treffe ich meine Begleitung für die Fahrt durch Tibet: Einen Führer und einen Jeep mit Fahrer. Die von der chinesischen Regierung erlassenen Vorschriften erlauben es Ausländern Tibet nur in Begleitung einer Reiseagentur zu besuchen. Die offizielle Begründung dafür lautet, individuell zu reisen sei zu gefährlich. Wahrscheinlicher ist, dass unbeaufsichtigte Ausländer Zeugen eines Aufstands von Tibetern werden könnten - wie zum Beispiel 1987 - und später in der Weltpresse darüber berichten. Da Golmud allerdings in der Provinz Qinghai liegt, tibetische Reiseagenturen aber nur in Tibet arbeiten dürfen, stellt sich nun das Problem, wie ich an dem Kontrollposten in Golmud vorbeikomme, ohne erwischt zu werden und ohne meine tibetischen Begleiter zu gefährden. Ich hätte von Golmud aus auch mit einer Reiseagentur aus Qinghai die 880km zur Provinzgrenze zurücklegen können, doch dies hätte meine Kosten enorm gesteigert und so hatte sich die Reiseagentur aus Lhasa bereit erklärt, mich aus Golmud zu holen. Mein tibetischer Führer und ich entscheiden, dass ich am nächsten Morgen um 4.00Uhr das Hotel verlasse, aus der Stadt radle und am Straßenrand warte. Eine Stunde später kommt mein Begleitfahrzeug, wir laden mein Mountainbike und die Ausrüstung hinein und ich verstecke mich unter einer Zeltplane. Unsere Rechnung geht auf. Den Polizisten ist es noch zu kalt, um die passierenden Fahrzeuge näher zu inspizieren.
350km nach dem Kontrollposten hat der Jeep eine Panne. Der Fahrer kann sie zwar beheben, wir schaffen aber gerade mal weitere 250km bis er erneut stehen bleibt. Wir entscheiden den Jeep von einem LKW nach Tibet schleppen zu lassen, damit wir endlich die Provinz Qinghai verlassen können, denn es besteht nach wie vor die Gefahr von Militär oder Polizei kontrolliert zu werden, was für alle ein böses Ende nehmen würde. In der Nacht der Schleppaktion ist es eisig kalt. Obwohl ich meine gesamte Kleidung trage, friere ich. Ich bin die Kälte nach so langer Zeit in der heißen Wüste nicht mehr gewohnt und schon am nächsten Tag zeigen sich die ersten Anzeichen einer Erkältung. Noch drei Tage halte ich durch, pedale über die tibetische Hochebene doch dann plagen mich Schüttelfrost und 40°C Fieber. Ich entscheide die Etappe abzubrechen und wir fahren direkt nach Lhasa. Dort ist es wärmer und ich kann mich erholen.
Nach ein paar Tagen Ruhe mache ich mich auf, Lhasa zu erkunden. Unzählige Stufen führen hinauf zum Potala Palast, der ehemaligen Winterresidenz der Dalai Lamas. Fasziniert von den prachtvollen Wandgemälden und reich geschmückten Statuen durchstreife ich die zahllosen Tempel, Säle und Gemächer. Obwohl der Potala Palast heute in erster Linie nur noch ein großes Museum ist, besuchen nach wie vor zahlreiche buddhistische Pilger aus den entlegensten Winkeln Tibets den Palast. Mehrmals beobachte ich, dass chinesische Besucher nur wenig Verständnis für die religiösen Bedürfnisse der Tibeter haben. Oftmals stören sie Zeremonien oder stillen Gebete mit plumper Schaulust. Bei meinen Spaziergängen durch Lhasa ist kaum zu übersehen, dass Tibet eine Konfliktregion ist. An vielen Straßenkreuzungen sind Überwachungskameras installiert. Überall stehen Spitzel der Geheimpolizei und Militär patrouilliert durch Lhasa.
In einer schmalen Seitengasse in der Nähe des Jokhang Tempels entdecke ich einen weiteren kleinen Tempel. Er liegt so versteckt, dass er nur von wenigen Touristen besucht wird. Als sich meine Augen an die Dunkelheit im Innern gewöhnt haben, erblicke ich in einer Ecke eine alte Frau, die vor einer großen Gebetsmühle sitzt und beständig Gebete rezitiert. Ihr Gesicht ist von dem rauen Klima Tibets gezeichnet. Als sie mich bemerkt, schenkt sie mir ein zahnloses Lächeln und widmet sich wieder ihren Gebeten. Kurz bevor ich gehe, hole ich aus meinem Rucksack ein Bild des 14. Dalai Lama hervor. Als ich es ihr hinüberreiche, löst das bei ihr eine solche Begeisterung und Freude aus, dass sie ganz ihre Gebete vergisst und nur noch das Bild anschaut. Obwohl der Dalai Lama seit 1959 im Exil in Indien lebt, ist der Glaube der Tibeter an ihn ungebrochen.
Tibet - Über den Himalaya
Nach 10 Tagen Aufenthalt, starte ich zu meiner letzten Etappe, um von Lhasa über den Himalaya nach Kathmandu in Nepal zu radeln. Auch auf dieser Etappe werde ich wieder begleitet. Vorbei am Yamdrok Yamtso See geht es nach Gyantse und Shigatse, wo es jeweils Klöster zu besichtigen gibt, die zwar nach der fast alles vernichtenden chinesischen Kulturrevolution in den sechziger Jahren wieder aufgebaut und restauriert wurden, heute jedoch den chinesischen Besatzern Tibets in erster Linie als devisenbringende Einnahmequelle dienen. Entgegen der Fahrt über das hügelige Hochplateau gilt es nun richtige Pässe zu erstrampeln. Mit der Überquerung des 5252m hoch gelegenen Gyatso La Pass erreiche ich den höchsten Punkt der Tour. Kurz vor der Grenze zu Nepal, biegen wir von der Hauptstraße ab, um zum Basislager des Mount Everest zu fahren. Als wir am Spätnachmittag ankommen, versteckt sich der Berg noch in dunkelgrauen Regenwolken. Doch am nächsten Morgen sind diese verschwunden und geben zum Frühstück den Blick auf den in Eis eingehüllten Bergriesen frei.
Nepal - Im Monsunregen nach Kathmandu
Am Grenzposten in Zhangmu verabschiede ich mich von meinen Begleitern, Geschenke werden ausgetauscht, auf dem Schwarzmarkt gleich neben der Bank die letzten Yuan zurück in Dollar gewechselt und dann mache ich mich auf die Abfahrt hinunter nach Nepal.
Dass es von der chinesisch-nepalesischen Grenze bis nach Kathmandu kein Vergnügen werden würde, hatte ich bereits von zahlreichen Touristen gehört, die Überland von Kathmandu nach Lhasa gereist waren. Der Monsunregen hat die Straße an manchen Stellen in einen reißenden Fluss oder ein knietiefes Schlammbad verwandelt. Eine Brücke ist komplett weggespült. Der Dreck knirscht bald in Kette und Schaltwerken, im beständigen Nieselregen gibt meine wasserdichte Bekleidung auf, und ich frage mich nach dem Sinn, im Monsunregen nach Kathmandu zu radeln. Es macht keinen und so entscheide ich mich, meine letzten 12 US$ Bargeld in einen Kleinbus zu investieren, der mich die verbleibenden 120km nach Kathmandu bringt.
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