PAKISTAN - CHINA - TIBET - NEPAL
HIMALAYA-MOUNTAINBIKE-EXPEDITION

Karte
SPITI - LADAKH - ZANSKAR - DHARAMSALA

Kinnaur, Spiti, Lahaul

Es ist Mitte Juni, die Zeit kurz vor Beginn des Monsunregens. Das Thermometer klettert tagsüber bis auf 45°C und es herrscht eine drückende Schwüle, die glauben lässt, das der bewölkte Himmel jeden Moment aufbricht und sich sinnflutartige Regenfälle über das stickige Neu-Delhi, die Hauptstadt Indiens, ergießen. Doch nichts davon und so verbringe ich die meiste Zeit in meinem klimatisierten Hotelzimmer um auf mein Mountainbike zu warten, das nach Auskunft der Fluggesellschaft - “No problem Sir. We will call you!” - wohl nach Manila auf den Philippinen geschickt wurde. Liegt das vielleicht an meinem Vornamen oder sind das erste Vorzeichen für schlimmeres, dass da noch kommt?

Shimla Nach drei Tagen voller Hoffen und Bangen kommt mein Mountainbike mit einem riesigen, roten "RUSH TO DELHI" Aufkleber auf dem Verpackungskarton am Flughafen an und ich buche postwendend ein Ticket für den Nachtbus nach Shimla, dem Ausgangspunkt der Tour. Dort setzt mich gleich nach der Ankunft eine erste Magen-Darm Grippe außer Gefecht. Als ich mich wieder etwas besser fühle, lasse ich mich von einem gemieteten Kleinbus in das 250km entfernte Dorf Kalpa bringen, wo ich mich in aller Ruhe erhole, den Inhalt meiner Packtaschen ein letztes Mal kontrolliere, um dann die Reise ENDLICH! auf zwei Rädern anzugehen.

Nach diesem Beginn, kann es eigentlich nur noch besser werden. Und es wird! An dem Polizeiposten kurz hinter Kalpa, wo mein "Innerline Permit" kontrolliert wird, gibt es keine Probleme. Dieses Permit benötige ich, denn die vor mir liegende Etappe führt auf einem Teilstück in einem Abstand von weniger als 10km an der tibetisch-indischen Grenze entlang, was bedeutet, dass es sich dabei um sensibles Grenzgebiet handelt. Das Permit in Shimla zu bekommen war kein Problem. Für ein paar Scheine "Bakschisch" wurde es sogar für drei Wochen Aufenthaltserlaubnis in der "Innerline" ausgestellt, anstatt für die vorgeschriebenen sieben Tage und auch die Bedingung als Gruppe zu reisen wurde von dem Beamten kurzerhand aufgehoben.

Nako Nach drei Tagen erreiche ich das verschlafene Bergdorf Nako auf über 4000m Höhe, wo ich jeden Morgen mit einem atemberaubenden Panorama über die eng aneinander gebauten Bauernhäuser auf schneebedeckte Berge begrüßt werde. Von Nako geht es hinunter ins Spitital. Dort besichtige ich in Tabo das denkmalgeschützte Kloster, das für seine Wandmalereien weltberühmt ist, fahre weiter nach Kaza, dem Verwaltungszentrum von Spiti, wo ich meine Packtaschen mit neuer Verpflegung fülle und schöpfe in Lossar zwei Tage Kraft für die Überquerung des ersten größeren Passes, dem Kunzum La auf 4551m.

auf dem Kunzum La Oben angekommen schlage ich mein Zelt auf und genieße die Ruhe, Stille und Einsamkeit, nachdem das letzte Fahrzeug den Pass überquert hat. Die Abfahrt am nächsten Morgen führt über eine halsbrecherische Schotterpiste nach Batal und weiter nach Gramphu. Ich muss mich beeilen, denn ich habe mich mit Damon einem australischen Mountainbiker in Keylong verabredet, um mit ihm über den Himalaya nach Ladakh zu radeln. In Keylong angekommen treffe ich Damon gleich im verabredeten Hotel und nachdem ich mein Fahrrad kurz durchgecheckt und geputzt habe, gehen wir auf den Markt, um Verpflegung für die vor uns liegende Etappe einzukaufen.

Über den Himalaya

Gleich zu Beginn der Fahrt steigt die Straße stetig an hinauf auf den ersten von insgesamt drei großen Pässen auf dem Weg nach Ladakh. Auf dem 4883m hohen Baralacha La angekommen, überrascht uns eiskalter Graupelschauer. Schnell ziehen wir uns unsere wärmste Bekleidung an, sprich drei Paar Socken, eine komplette Garnitur Thermounterwäsche, eine Fleecehose, einen Fleecepullover, darüber die wind- und wasserdichte Hose und Jacke, drei Paar Handschuhe und noch etwas für’s Gesicht, um vor dem kalten Fahrtwind auf der vor uns liegenden Abfahrt geschützt zu sein.

Zeltlager Wir befinden uns nun mitten im Himalaya und es gibt nur noch vereinzelt Zeltlager am Straßenrand, die saisonal von geschäftstüchtigen Lahaulis oder Ladakhis aufgebaut werden, um den Reisenden von und nach Leh auf der zweitägigen Autofahrt eine Unterkunft für die Nacht zu bieten. Das Frühstück liegt schon Ewigkeiten hinter uns. Dementsprechend laut knurren unsere Mägen, als in weiter Ferne - mitten im Nichts - drei weiße Punkte auftauchen und wir hoffen, dass dies das nächste Zeltdorf ist. Es ist das nächste Zeltdorf! Nach einer doppelten Portion eines Fertig-Nudelgerichts (“Deckel auf, heiß Wasser drauf”) und unzähligen Tassen heißen Milchtees, fahren wir weiter ab, denn Damon bekommt Kopfschmerzen, was wir als die ersten Anzeichen der tückischen Höhenkrankheit deuten. Am Ende der Abfahrt steht das nächste Zeltdorf und Damons Kopfschmerzen sind verflogen.

Der nächste Paß den es zu überwinden gilt, ist der 5060m hohe Lachlung La. Als wir uns aufmachen ihn zu erklimmen, werden wir von Nieselregen begleitet, der das Pedalen nicht einfacher macht. Nachdem wir die 21 Serpentinen der "Gata Loops" hinter uns gebracht haben, klagt Damon über Knieschmerzen und während einer Pause bemerkt er, dass sein Tretlager locker ist. Wir beschließen einen LKW zu stoppen und die restlichen Kilometer motorisiert auf den Pass zu fahren. Am Ende der Abfahrt vom Pass wartet das Zeltdorf von Pang auf zwei todmüde Mountainbiker, die sich nach einem üppigen Abendessen sofort in ihre Schalfsäcke verkriechen. Während am nächsten Morgen die Familie des Zeltes, das wir uns für die Übernachtung rausgesucht haben, das Frühstück zubereitet, versucht Damon sein Tretlager wieder in Ordnung zu bringen, was im gründlich misslingt. Er beschädigt das Gewinde in der Tretachse so stark, dass er die Mutter, um die Tretkurbel zu fixieren, nicht mehr reinschrauben kann und mit einem Jeep weiter fahren muss.

Fahrt über die Morab Ebene Wir sortieren die Verpflegung, ich packe das nötigste in meine Packtaschen und dann wünschen wir uns viel Glück für die vor uns liegenden Abenteuer: Für Damon einen Gewindeschneider in Leh aufzutreiben und für mich die Fahrt über die Morab Ebene.

Die Morabebene ist eine trockene, weite, steppige Hochfläche, begrenzt von schneebedeckten Bergen auf 4700m Höhe. Die Ladakhis aus den Zelten in Pang hatten mich gewarnt, dass ich auf den nächsten 55km kein Wasser finden werde, sodass ich mein Fahrrad zum "Rolling Camel" umfunktioniere und mit mehreren gefüllten Wasserflaschen sowie einem 10l fassenden Wassersack belade.

Ladakh

auf dem Tanglang La Zwei Tage später erreiche ich den 5328m hohen Tanglang La, den zweithöchsten Pass der Erde über den eine Straße führt, das Tor nach Ladakh! Nach drei Stunden Aufenthalt "On Top" fahre ich erneut in mehrere Schichten Bekleidung eingepackt die ersten 30km der insgesamt 60km langen Abfahrt hinab nach Rumtse, der ersten festen Siedlung seit Keylong. Auch hier gibt es noch Zelte für die Übernachtung am Straßenrand. Doch nach etwas Fragen wird mir sogar ein Einzelzimmer für die Nacht angeboten: Die Vorratskammer eines Bauernhauses, wo zwischen Kartoffel- und Reissäcken ein Feldbett steht. Am nächsten Morgen lasse ich es die restlichen 30km hinunter nach Upshi rollen und finde mich nach den eisigen Höhen des Himalaya im brütend heißen Industal wieder, denn Ladakh ist eine Hochgebirgswüste. Nur in den Dörfern gibt es Vegetation, die durch künstlich angelegte Bewässerungskanäle am Leben erhalten wird. Mein Tagesziel ist das Kloster von Tikse, das schon von weitem, hoch oben auf einem Hügel tronend, erkennbar ist. Nach acht Tagen Himalayaüberquerung genieße ich dort im Klosterhotel die erste heiße Dusche und im Restaurant die Leckereien auf der Speisekarte. Anschließend mache ich mich auf das Kloster zu erkunden, wo die schönste, überdimensionale Buddhastatue in ganz Ladakh stehen soll.

Leh Palast Von Tikse sind es nur noch 20km bis nach Leh der Hauptstadt und dem Touristenzentrum von Ladakh. Dort gibt es zahlreiche Märkte, Klöster und Tempel, aber auch Hotels, Restaurants, Souvenirshops, Trekkingagenturen und Internetcafes, das alles von dem ständig präsenten, alles überragenden ehemaligen Königspalast von Leh überragt wird. Nach den Strapazen der letzten Woche, lasse ich es mir in Leh richtig gut gehen, erhole mich ausgiebig beim süßen Nichtstun und besichtige auf mehreren Tagestouren die umliegenden Klöster, Tempel und Dörfer. Außerdem gehe ich zur Polizeistation, um mich nach der Sicherheitslage auf der vor mir liegenden Etappe nach Kargil und weiter nach Zanskar zu erkundigen. Denn während Damon und ich über den Himalaya pedalten, wurden drei Mönche aus dem Rangdum Kloster in Zanskar von Terrorristen erschossen sowie ein deutscher Tourist entführt, der kurze Zeit später ebenfalls umgebracht worden sein soll. Außerdem sollen rund um Kargil wieder Bomben und Granaten aus Pakistan eingeschlagen sein: Alles in allem also nicht die besten Voraussetzungen für unbeschwertes Radeln.

Tempel über Leh Die Polizei versichert mir jedoch mehrmals, dass die Straße nach Kargil sicher sei und bewacht werde, sodass ich beschließe die Etappe mit dem Mountainbike anzugehen, mir aber die Option offen halte, jederzeit auf Bus oder LKW umzusteigen. Die Straße ist tatsächlich gesäumt von Militärposten und in regelmäßigem Abstand begegnen mir Polizei- oder Militärjeeps auf Patrouille. Die Ladakhis, mit denen ich mich in den Dörfern unterhalte, erzählen mir von ihrer Angst davor, dass sich der Terrorismus aus Kashmir jetzt auch nach Ladakh ausbreitet.

In Likir mache ich einen Tag Pause und schaue den Mönchen des Klosters bei der Herstellung eines Sandmandalas zu. Weiter geht es zum Kloster von Alchi und auf dem Weg von Lamayuru nach Kargil stoppt mich dann eine Militärpatrouille. Die Offiziere wollen mich jedoch nur informieren und raten mir nachts nicht draußen zu campieren, Kargil schnell hinter mir zu lassen und wenn es meine Radlerehre zuließe, wenigstens bis nach Rangdum per Bus zu fahren, da die Bevölkerung zwischen Kargil und Rangdum moslemischen Glaubens sei und man nicht weiß, wer zur Unterstützerszene der Terroristen aus Kashmir gehört und ich mit meinem Fahrrad ein gutes Ziel darstellen würde.

in Kargil Ich hatte bereits in Leh mit demselben Gedanken gespielt, befolge den Rat und verbringe in Kargil nur einen Tag, um die Busfahrt nach Rangdum zu organisieren. Sie dauert acht Stunden und ist eine grauenvolle Schütteltour, während der ich ständig um mein Mountainbike auf dem Busdach bange. In Rangdum angekommen, finde ich Unterkunft in dem Kloster, das mittlerweile von einem Polizist mit halbautomatischen Gewehr bewacht wird. Nur zögernd beantworten die Mönche meine Fragen nach dem Zwischenfall und lenken das Gespräch schnell auf andere Themen. Sie wollen vergessen.

Zanskar

Abfahrt vom Pentse La Von Rangdum pedale ich hinauf auf den Pentse La Pass, übernachte dort und fahre in zwei Tagen durch das traumhaft schöne Zanskartal nach Padum, wo ich erneut fünf Tage pausiere, Ausflüge in die Umgebung unternehme und das dorthin abkommandierte Militär auf Patrouille begleite. Außerdem organisiere ich mir Pferde und einen Führer für den Trek nach Darcha. Der Preis ist schnell verhandelt und dann gehen wir auf den Markt um Verpflegung einzukaufen, denn die Ernte in den unwirtlichen Hochgebirgstälern gibt nicht soviel her, als das jeder durchreisende Tourist in den Bergdörfern mitverpflegt werden könnte. So ist es Brauch, dass Touristen und vor allen Dingen Touristengruppen ihre Verpflegung mitführen und dafür braucht man Pferde.

Zanskar Entgegen meiner ursprünglichen Planung gebe ich mein Vorhaben während des Treks zu radeln bald auf und verlade auch mein Fahrrad auf eines der Pferde, denn am zweiten Tag trage oder schiebe ich mein Fahrrad die meiste Zeit, wobei ich mich mehrere Male fast selber in die tiefe Schlucht stürze.

Auf dem Weg machen wir einen Abstecher zu dem sagenumwogenen Kloster von Phuktal, von dort geht es weiter dem - so heißt es - energiegeladenen und heiligen Berg Gumburajon entgegen und hinauf auf den neunten von insgesamt zehn Pässen auf der Tour, den Shingo La.

meine Pferdekarawane Nach elf Tagen kommen wir an der Straße an, die ich Wochen zuvor mit Damon gen Ladakh geradelt war. Ich verabschiede mich von Tempa meinem Pferdeführer und radle schnurstracks nach Keylong, wo ich diesmal nach elf Tagen die Vorzüge von Zivilisation genieße, sprich, eine heiße Dusche, Pommes und Apfelstrudel in Vanillepudding. Nun gilt es nur noch einen Pass zu überqueren, den knapp 4000m hohen Rothang La. Auf den letzten Kilometern Serpentinenstraße lasse ich die zurückliegenden Monate noch einmal Revue passieren und freue mich darauf ein letztes Mal auf einem Himalaya-Pass zu stehen, die Stille und Weite zu genießen und die Seele baumeln zu lassen. Doch der Rothang La ist Tagesausflugsziel für indische Urlauber, die in Manali ihre Sommerferien verbringen und es “wimmelt” auf dem Pass von wild herumknipsenden Touristen und fliegenden Händlern, die ihren Ramsch loswerden wollen. - Ich bin etwas genervt. - Zum Trost gibt es auf der anderen Seite eine 50km lange Abfahrt nach Manali, die durchgehend geteert ist und auf der ich mit den Bussen, die Tagesausflügler vom Pass zurück nach Manali bringen, um die Wette fahre - und in den engen Serpentinen stets gewinne.

In Manali endet die Reise mit dem Fahrrad. Bei einem “Dhobi Walla” lasse ich den Himalayastaub aus meiner Kleidung waschen, auf der Post und im Internet warten Briefe und E-Mails auf mich, ich versuche Abstand von den hinter mir liegenden Wochen und Monaten zu gewinnen und bereite mich auf den zweiten Teil der Reise vor, den Aufenthalt in Dharamsala.

Dharamsala und McLeod Ganj

McLeod Ganj Von Manali fahre ich mit einem Nachtbus nach McLeod Ganj, einem Teilort von Dharamsala. Dort hat die tibetische Exilregierung ihren Hauptsitz, der XIV. Dalai Lama, das religiöse und politische Oberhaupt der Tibeter sein Domizil und McLeod Ganj ist für viele tibetische Flüchtlinge der Endpunkt ihrer beschwerlichen und gefährlichen Flucht von Tibet über den Himalaya nach Nepal und weiter nach Indien.

In drei Wochen sammle ich Informationen über das Leben der Tibeter im Exil, führe Interviews mit Flüchtlingen, besuche das tibetische Kinderdorf, die Ministerien der Exilregierung, mehrere Auffanglager und verschiedene Institute.

Am 03. Oktober treffe ich mich mit den Sekretären des Dalai Lama zur Vorbesprechung des geplanten Interviews mit Seiner Heiligkeit, das am Tag darauf stattfindet. Nach einem ausgiebigen Sicherheitscheck und einer kurzen Wartezeit betritt der Dalai Lama den Raum und wir begrüßen uns. Zuerst muss ich ihm über die chinesische Provinz Xinjiang und besonders von Tibet erzählen, die ich im Rahmen der PACHITINE-Tour bereist hatte, bevor er meine Fragen zu seiner Person, zur Zukunft Tibets und zum Zeitgeschehen beantwortet.

Drei Tage später geht es mit einem Nachtbus zurück ins hektische und immer noch stickige Delhi und ich bin etwas erleichtert, als ich das Flugzeug besteige, wobei ich viel lieber nach Ladakh fliegen würde als nach Hause.

PAKISTAN - CHINA - TIBET - NEPAL HIMALAYA-MOUNTAINBIKE-EXPEDITION

Mehr Bilder von diesem Abenteuer gibt es in der DIASHOW PREVIEW zu sehen,
einen Auszug aus dem Interview mit dem Dalai Lama unter der Rubrik TIBET nachzulesen.

Text und Bilder Copyright R.-Philipp Rackwitz